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Pionier im Fokus: Bergsportlegende Hermann Huber

Hermann Huber zählt einige der wichtigsten Erfindungen im Bergsport – wie das Steigeisen – zu seinen Errungenschaften. Doch die Alpinwelt hat dem 83-Jährigen noch viel mehr zu verdanken.

Von Anfang an dabei

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Rohreisschraube

Hermann Huber wird 2014 84 Jahre alt. Als Zeitzeuge und Alpinist der ersten Stunde erlebte der Deutsche jedes Kapitel der Bergsportszene aktiv mit – und trug zu ihrer Entwicklung bei. Mit Erfindungen wie dem ersten echten Steigeisen, der Rohreisschraube und dem Hohlkarabiner veränderte er seinen Sport maßgeblich. Auch heute noch kann er von den Bergen nicht die sprichwörtlichen Finger lassen.

Wann haben Sie mit dem Klettern begonnen?

Zum Klettern habe ich kurz nach dem Krieg begonnen, 1947. Da war ich so 16 oder 17 Jahre alt.

Können Sie beschreiben, wie die Bergsportszene nach dem Krieg aussah?

Als ich angefangen habe, konnte man es eigentlich nicht wirklich Szene nennen. Man war mehr damit beschäftigt, den Krieg zu überleben. Die meisten, die es in die Berge zog, waren auch schon vor dem Krieg Bergsteiger – und unsere Vorbilder. Unser Zentrum war damals der Münchner Klettergarten. Eigentlich hässliche Konglomerat-Felsen, aber eine hohe Schule fürs Freiklettern.

Was ist im Vergleich zu damals bis heute gleich geblieben?
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Bersportlegende Hermann Huber

Die Möglichkeiten sind heute ganz anders, aber die Essenz des Erlebnisses ist gleich. Wenn ich heute auf junge Kletterer treffe, dann reden wir dieselbe Sprache – selbst wenn er Franzose ist.

Wie habt ihr festgestellt, wie sicher das Ganze ist?

Eigentlich erst viele Jahre später. Die Sicherungen waren meist weit auseinander und von schlechter Qualität. Erst ein tödlicher Unfall war dann die Gründungsursache für den Sicherheitskreis des Deutschen Alpenvereins, wo ich auch Gründungsmitglied war. Das war 1968. Ab da hat man sich theoretisch mit dem Thema Sicherheit auseinandergesetzt. Da ist dann viel daraus enstanden.

Was gab es damals an Ausrüstung?

Vor allem Fichtelhaken (vom Tiroler Bergführer Hans FIECHTL), Eisenkarabiner – damals wog einer 210 Gramm – und natürlich verschiedene Arten von Seilen. Die klassischen Hanfseile hatten aber bei Nässe das Problem, dass sie anquollen und steif wurden. Die nächste Entwicklungsstufe nach dem Krieg waren die Nylonseile, welche die US-Army mitbrachte. Damals allerdings noch in einer gedrehten Konstruktion. Später kam dann die spiralförmig geflochtene Version auf den Markt, was einen ganz großen Durchbruch bedeutete. Das Problem hierbei war aber, dass sich die Fasern mit der Zeit abnützten, was die Kernmantelkonstruktion 1954 schließlich behob.

Wie und wann entstand die Zusammenarbeit mit Salewa?

Kurz nach dem Krieg gab es noch kein Gymnasium. Mein Vater war etwas ungeduldig und hat zu mir gesagt: Bub, du lernst einen Beruf! Er hat den damaligen Chef von Salewa gekannt und mir so eine Lehrstelle als Industriekaufmann besorgt.

Was waren Ihre Aufgaben im Unternehmen?
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Verstellbare Salewa Steigeisen

Damals stellte Salewa noch gar keine Kletter- und Bergsteigerausrüstung her. Die Firma ,Sattler und Lederwaren‘ gab mir aber die Möglichkeit, etwas aufzubauen, neue Produkte zu entwickeln. Ich war zwar kein Ingenieur, aber ich konnte mit meiner Praxiserfahrung neue Ideen einbringen. Für unsere erste Expedition (1955 nach Südamerika) haben wir etwa einen ganz neuen Rucksack hergestellt, der sich für solche Abenteuer eignet. Hartware-Prototypen entstanden in der Betriebsschlosserei von Salewa. Und so entstand nach und nach die Spezialisierung auf Bergsportausrüstung.

Bei welchen Entwicklungen der Bergsportausrüstung hatten Sie direkten Einfluss?

Ich hatte eines Tages mal die Idee für ein verstellbares Steigeisen. Bisher gab es nur handgeschmiedete, die sich aber nicht für alle Größen und Stiefel eigneten und auch nicht mehr markttauglich waren. Der Prototyp entstand dann im Jahr 1961 und bewährte sich prompt. Danach wurde das Steigeisen ein Welterfolg.

Eine wichtige Innovation, die auch aus der Not geboren wurde, war die Eisschraube. Im Jahr 1958 starben 3 meiner Freunde beim Klettern im Eis, durch Versagen der Sicherungen, als die Eishaken sich lösten. Damit das nicht mehr passiert, habe ich mich damit beschäftigt, wie man es besser machen könnte. Heraus kam die hohle Rohreisschraube, die bis heute in der ganzen Welt das etablierte Eis-Sicherungsmittel ist. Wichtig war wohl auch die Erfindung des Hohlkarabiners, der mit 42 Gramm schon sehr leicht war. Schlafsäcke, Bergrucksäcke und Zelte (z.B. Sierra Leone Zelt, Anm.) habe ich ebenfalls viele entwickelt.

Wie hat die Ausrüstung den Sport verändert?

Gewaltig! Am meisten merkt man das beim Eisklettern. Beim normalen Klettern sind die Schwierigkeitsgrade gewachsen und die Sicherungen besser geworden. Auch die Abstände zwischen den Sicherungen sind geringer geworden. Eigentlich kann man da nur ums Leben kommen, wenn man einen großen Blödsinn macht. Eisklettern ist aber durch die Ausrüstung überhaupt erst wirklich möglich geworden.

Sie waren mit vielen Größen des Bergsports unterwegs: Wer hat Sie dabei besonders beeindruckt?
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Hermann Huber erzählt von Bergsportgrößen

Jeder Mensch ist natürlich eine individuelle Persönlichkeit und hat seine Eigenheiten und Stärken. Sehr beeindruckt hat mich aber auf jeden Fall der Bigwall Kletterer Royal Robbins. Auch Alex McIntyre war mit seiner verrückten Art sehr interessant. Eine dauerhafte Freundschaft entstand etwa mit den Engländern Graham Tiso und Mike Parsons. Und mit Yvon Chouinard, dem Gründer von Black Diamond Equipment, war ich beim Klettern in Europa und Amerika unterwegs.

Auf Ihrer Webseite steht, dass Sie seit Jahrzehnten ein Tagebuch schreiben. Welcher Eintrag fällt Ihnen als erster ein, wenn Sie an die Aufzeichnungen denken?

Meine Nahtod-Erfahrung in Grönland. Wir waren während unserer Expedition am Ufer des Alpe-Fjord der Eismeere unterwegs, als ein Eisbach auftauchte den wir überqueren mussten, um weiter zu kommen. Wir fanden eine Stelle, wo wir drüber springen konnten und ich warf den Rucksack voraus – leider nicht weit genug, denn er begann langsam Richtung Eisbach zu rutschen. Ich versuchte nachzuspringen und die Ausrüstung zu retten, landete aber schlussendlich im Strudel des Eisbaches. Gott sei dank war die Lunge voller Luft, denn kurz bevor mir die Luft ausging schaffte ich es irgendwie aus dem Strudel zu kommen. Die Ausrüstung war weg, aber ich war am Leben.

Durch Ihren Beruf bei Salewa sind Sie auch viel in der Welt herum gekommen. Wenn Sie ein Freiticket hätten, an welchen Ort würden Sie zurückkehren?

Ich würde noch einmal nach Patagonien fahren. Es ist einfach das „Urland“ für Alpinisten. Das sind solche irren Landschaftseindrücke! Aber da gäbe es natürlich viele Plätze, wo ich gerne noch einmal hinfahren würde (lacht). Peru oder Alaska zum Beispiel. Obwohl ich in Alaska einmal für drei Tage in einem Eisloch mit nur einem Snickers zu essen gefangen war. Trotzdem ein schöner Ort!

2013 sagten Sie ,Leben bedeutet Zeit. Mit knapp 83 Jahren kann ich sagen, dass diese nicht annähernd ausreicht, um alles zu erleben.‘ Was findet sich auf Ihrer Liste, das Sie nicht abhaken konnten?

Ich muss nichts mehr machen und habe auch keine konkreten Ziele mehr, aber ich mache alles, was möglich ist. Wie etwa bei einer Vollmondnacht auf den Miesing zu wandern und dort zu übernachten. Oder mit dem Elektrobike auf eine Alm zu fahren. Hin und wieder gehe ich sogar mit einigen jüngeren Freunden eine Skitour, Klettern oder auf der 20 Kilometer Strecke Langlaufen. Ungefähr 1.400 Höhenmeter sind noch möglich (lacht)!

Sagten Sie gerade Klettern?

Ja, im vierten bis fünften Schwierigkeitsgrad etwa. Aber nur mehr im Nachstieg, sonst wird der Doktor böse (lacht).

Zur Website von Hermann Huber

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