Flandernrundfahrt
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Flandernrundfahrt – The Untold

Belgischer Radsportklassiker aus Teilnehmersicht

Das „Ronde van Vlaanderen Cyclo“ ist das Vorspiel der Amateure zur großen, traditionellen Flandernrundfahrt. Gerald Kiener war in Belgien am Start und schildert seine Eindrücke eines Rennens mit ganz besonderer Atmosphäre.

Im Epizentrum des Radsports

Wenn man über die Flandernrundfahrt spricht, dreht sich meist alles um die „Hellinge“, die berühmten Steigungen, die sich den Athleten auf dem Klassiker im zweiradverrückten Belgien in den Weg stellen. Doch die Flandernrundfahrt im Epizentrum des Radsports hält mit ihrem ganz speziellen Flair viele einzigartige Eindrücke bereit.

Als ich mit hunderten anderen am Samstag, einen Tag vor den Profis, um 07:00 Uhr morgens in Antwerpen in das 237 Kilometer lange Amateurrennen starte, liegt bereits Profi-Rennfeeling in der Luft. Alles ist bereit für den flämischen Radsporttag schlechthin. Dank einsetzendem Nieselregen sind schon die ersten 98 Kilometer, die bei Schönwetter eigentlich als „Warm-Up“ für die schwierigen Passagen des Rennens dienen, eine Herausforderung.

Es geht quer durch die belgische Landschaft
Es geht quer durch die belgische Landschaft © Sportograf

Anspruchsvolles Streckenprofil

Bei Kilometer 80 starten die ersten Positionskämpfe. Jeder will beim 2.000 Meter langen Kopfsteinplaster-Stück im Vorderfeld sein. Auch im Amateurrennen gilt: Volle Power! Eine andere Taktik gibt es nicht.

Die Hellinge sind ohne Zweifel Schlüsselpassagen des Rennens, doch um hier zu bestehen, muss man erfahrener Radfahrer sein. Auf den 2,5 Meter breiten Feldwegen aus alten Betonplatten gibt es nicht wirklich viel Spielraum. Vor allem die Spalten zwischen den Betonplatten lassen mich das eine oder andere Überholmanöver nochmals überdenken. Bei den unzähligen 90-Grad-Abbiegern besteht die Schwierigkeit darin, den optimalen Mix aus Risiko, Fahrlinie und Kontrolle zu meistern.

Kampf mit den Bedingungen

Regen, Dreck, Straßenschäden: Das ist Radsport pur in Belgien! Weil ich von oben bis unten durchgerüttelt werde, schmerzen meine Gelenke. Meine Hände und Zehen sind kalt. Und trotzdem will ich im Moment nichts anderes, als hier im Radsportmekka im Sattel zu sitzen.

Die Anfahrt zum berüchtigten „Koppenberg“ bildet ein zwei Kilometer langer Weg, der gerade einmal 1,5 Meter breit ist. Mit 22 Prozent Steigung ist der „Koppenberg“ das steilste Stück des Rennens. Vor mir erwischt es einen Italiener: Das Kopfsteinpflaster lässt grüßen. Die einzige Möglichkeit, nun weiter zu kommen: laufen. Wegen der Nässe gleicht aber auch dieses Unterfangen einem Tanz auf der Rasierklinge.

Wenn Träume wahr werden

Über Geraadsbergen geht es weiter zum „Oude Kwaremont“, dem härtesten Anstieg des Rennens, natürlich umgeben von Kopfsteinpflaster. Nach einem harten Kampf endlich im Ziel angekommen, fühle ich mich wie im Traum: Der Kopf ist leer, die Beine sowieso. Aber trotzdem bin ich überglücklich: Seit mehr als 20 Jahren hegte ich den Wunsch, nun habe ich ihn mir erfüllt. Ich war auf denselben Straßen wie Cancellara, Boonen und Musseuw im Renntempo unterwegs.

Wer im Ziel zum Kraft tanken einen Proteinshake erwartet hat, der erlebt einen Kulturschock: Pommes mit Mayonnaise, dazu ein paar Bier das ist der belgische Lifestyle. Ich kann mich damit richtig gut anfreunden.

Den Start der Profis am Sonntag im Getümmel von 200.000 Radsportbegeisterten am Groetemarkt in Antwerpen mitzuerleben, ist die beste Draufgabe für ein einzigartiges Radsportwochenende in Belgien.

Home is, where your heart ist: Und mein Radsportherz ist zuhause angekommen: in Flandern.

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